Warten auf Hági

Tímea Turi

„Sie warten auf etwas, aber sagen nicht, worauf.“ (Délmagyarország, 24. Oktober 2008)

Es ist allgemein bekannt, dass man eine Stadt nur dann kennenlernen kann, wenn man auch nach Einbruch der Dunkelheit in ihr zu Hause ist. Für das Nachtleben braucht man aber nicht nur Freunde, mit denen man sich über Klatsch unterhalten kann, sondern auch die richtigen Orte dafür. Wer aber die besondere Typografie der Stadt Szeged, ihren speziellen Seelenzustand – um nicht zu sagen: ihre Metaphysik – wirklich kennenlernen will, der sollte sich nicht mit den naheliegenden Orten begnügen. Er sollte sich nicht damit zufriedengeben, in vertrauter Stimmung lange Abende im Grand Café zu verbringen, das für seine angenehmen Räume berühmt ist Es reicht auch nicht, zu wissen, wie viel ein Fladenbrot und ein Schopska-Salat im höhlenwarmen Mojo kosten, und wie lang der Weg dauert, bis wir bequem von der Terrasse des Nyugi im Seminar der Philologie ankommen (Ja: zweieinhalb Minuten). Nein, all das reicht nicht: Nur der kann den Versuch wagen, das wahre Gesicht von Szeged genau kennenzulernen, der schon über die verkettete Terrasse des ehemaligen Restaurants Hági nachgedacht hat.

Dort, wo die Straßenbahn Nummer 1 das Gebäude der Hauptpost verlässt, aber noch nicht am Platz der Märtyrer von Arad (Aradi vértanuk tere) angelangt ist, da steht das Hági, dessen marmorne Gedenktafel an den Platz des ersten ständigen Theaters in Szeged erinnert. Das vor gut anderthalb Jahrzehnten geschlossene und seitdem nicht wieder eröffnete einstige Restaurant ist im Grunde ein poetisches Gebäude: Von außen würde es auch einem leeren Schulhof gleichen, wenn die schmiedeeisernen Aufschriften nicht einen Biergarten und ein Restaurant versprächen. Der durch ein Vorhängeschloss geschützte Hof und die den Straßenkünstlern Irritation und Inspiration bietenden grauen Wände schaffen einen besonderen Raum. Denn das Hági blieb – im Gegensatz zu anderen berühmten und weniger berühmten Orten in Szeged – tatsächlich vom Wandel der Zeit verschont. Es erneuerte sich nicht wie die sonnengelbe Erhabenheit des Rektorats am Dugonicsplatz, aber verkommt auch nicht romantisch wie, sagen wir, das Alte Hungária, mit Mädchennamen Hotel Kass, das nur ab und zu von einer alternativen Theateraufführung zum Leben erweckt wird. Das Hági muss und kann nicht zum Leben erweckt werden: Es steht ganz einfach außerhalb jeglicher Zeit. Bei Sonnenschein oder im Schneegestöber ist es gleichermaßen geheimnisvoll und die Farbe der Wände bleibt unverändert undefinierbar. Nur das Laub kann für eine gewisse Abwechslung sorgen: Von Jahr zu Jahr wird es mehr. Es liegt, gleichgültig angehäuft, auf dem Hof, den derjenige, der öfter am Hági vorbeispaziert, nie in seinem ganzen Ausmaß sehen kann. Doch das Hági ist selbst die Erinnerung Szegeds. Die Alteingesessenen oder die, die es geworden sind, können sich rühmen, wirklich noch im Inneren gewesen zu sein, und selbst derjenige, dem dies nicht mehr möglich war, meint, sich genau zu erinnern, wenn er in den Hof hineinschaut. Damen mit Hut aus nostalgischen Friedenszeiten wie auch Mädchen mit Bubikopf oder toupierten Haaren werden sich gleichermaßen in diesen Räumen zu Hause gefühlt haben, wo nur noch ihre unsichtbare Erinnerung umhergeistert. Ganze Tage und lange Nächte mögen sie sich hier unterhalten haben – doch worüber? Die wahrsten Denkmäler sind nicht die, die in Marmor gehauen und enthüllt werden, an denen Stadtväter einen Kranz niederlegen, sondern die, die eine Stadt sich selbst errichtet: rein zufällig.

T. Turi


Biografie