Sarajevo, Bosnien und Herzegowina

   

Es gibt viele Quellen über die Entstehung Sarajevos und beinahe ebenso viele Versionen: Die einen behaupten, die Stadt sei um die Weiße Festung (Bijela tabija) herum entstanden, die anderen, dass sich um den Palast (Saraj) am linken Ufer des Flusses Miljacka, am Ende des heutigen Parks Atmedjdan, eine Siedlung entwickelte und schon bald auch mit einem Wasserversorgungssystem ausgestattet wurde. Wiederum andere behaupten, dass um eine belebte Straße mehrere Plätze entstanden, die dann urbanisiert, d.h. zu einer Einheit miteinander verbunden wurden. Die meisten Quellen sind sich aber in dem Punkt einig, dass alles im Umkreis der Bentbaša seinen Ausgang hatte – dort, von wo aus sich die Miljacka in die Stadt hinab ergießt. Hier beginnt die Stadt: zwischen den Bergen, die die spärliche Wintersonne einfangen und den Blick nach Südost und Nordost lenken, zum Jahorina-Gebirge und zum Berg Trebević.

Was ist Sarajevo heute? Schwer, fast unmöglich ist es, auf diese Frage zu antworten: eine Stadt mit wandelbarem Antlitz, die in ihrer Geschichte mindestens dreimal niederbrannte und wieder aufs Neue errichtet wurde, mit neuer Energie und in anderen Dimensionen wieder auferstand. Aus der strikt westlichen, europäischen Perspektive betrachtet, ist Sarajevo der Osten, aber auch eine Stadt, in der fast unbemerkt die Grenzen der einen und der anderen Welt verwischen, eine Stadt, in der sich Elemente des Orients und des Okzidents in einer organischen, einzigartigen Ganzheit verbinden. Heute, in einer Zeit in der sich die Welt neu orientiert, ist es weder notwendig noch erwünscht, Sarajevos Geschichte und Erbe systematisch zu trennen – „was gehört wem?“ All das ist unser gemeinsames Sarajevo, in dem Maße, in dem es in einer solchen Welt überhaupt Gemeinsames geben kann.

Es würde Sarajevo womöglich schon bald nicht mehr geben, wenn hier nicht das Bewusstsein über das gemeinsame Gute vorherrschen würde. Eine der bekanntesten Sevdalinke heißt „Als ich zur Bentbaša ging“. Es ist ein Lied über die umögliche Liebe zwischen einem jungen Mann und einem Mädchen., Sie gibt ihm vom Fenster aus zu verstehen (während die anderen Mädchen „am Tor stehen“), er möge gegen Abend kommen, da der Abend die Zeit der Liebe und der Magie ist. Dem Lied nach kommt der Jüngling aber nicht am Abend, sondern erst am nächsten Tag, doch seine Geliebte ist nicht mehr da, „sie hat einen anderen geheiratet“. Dieses Lied wird in (mindestens) zwei Versionen gesungen: jene bekanntere basiert auf einer jüdisch-christlich klingenden Weise, die man in den europäischen Gegenden hören kann, wo beide Religionen nebeneinander bestehen. Die spezifische Patina des Liebesschmerzes, der ewigen Sehnsucht und dunklen Melancholie verleihen dem Lied seine Einzigartigkeit. Die zweite Version wird balkanisch „verknappt“ gesungen, mit gekürzten Redewendungen und gelegentlich eingeworfenen türkischen Worten und Versen: „Als ich ging, ach ja, mein Schatz, als ich zur Bentbaša ging, ans Wasser“ (“kad ja pođoh, aman, kad ja pođoh džanum, na Bimbašu, na vodu”). Diese Version ist „regionaler“ und weniger bekannt, aber ihre Authentizität und ihr besonderer Ausdruck sind unverkennbar.

Beide Lieder oder vielmehr die zwei Varianten des einen Liedes – und noch so vieles andere – das ist Sarajevo. Sowohl Osten als auch Westen, sowohl vergangene Kriege als auch die gegenwärtige Krise, dazu die Schönheit und die – oftmals unerreichbare – Liebe. Verzögerter Fortschritt und der Traum von einer besseren Zukunft. Es ist unmöglich und unnötig, all diese Orte voneinander zu trennen; jeder von ihnen hat seine Geschichten und Lieder, seine Aufstiege und Abstürze, seine goldenen Zeiten und seine schweren Momente.
Und deswegen ist Sarajevo da: kalt in den winterlichen Morgennebeln, in voller Blüte stehend und gedeihend im Frühling, glühend und hell im Sommer, sanft-melancholisch und dunkelgelb im Herbst, eine Farbe, die der Stadt aus dieser Perspektive irgendwie momentan am besten steht. Sarajevo ist ein Lied, bei dem man nie weiß, wie es enden wird, aber solange es erklingt, wird man von einem unvergleichlichen Gefühl der Freude ergriffen .


Stationen in Sarajevo (6)

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